pg:
Zu Ihren Hobbys gehören vor allem das Segelfliegen und das Tauchen, also fernab der festen Erde. Woher kommt der Drang nach oben und nach unten?
sp:
Beim Drang nach oben weiß ich nicht so genau, wo der her kommt. Der muss von frühesten Kindesbeinen an da gewesen sein. Meine Eltern haben früher immer komische Sprüche ihrer Kinder aufgeschrieben, und mein Vater muss mich als Zweijährigen gefragt haben, was ich denn später mal werden will, und da muss ich geantwortet haben: „Vogel!“ Ich war früher wirklich ein Hans-Guck-in-die-Luft und habe immer die Wolken beobachtet. Jedes Flugzeug fand ich irre spannend und konnte als Sechsjähriger auch alle Flugzeugtypen erkennen und unterscheiden. 1988 habe ich mit dem Segelfliegen angefangen und 1999 kam ich zum Gleitschirmfliegen. 2002 habe ich dann den Motorflugschein für Ultraleicht-Flugzeuge gemacht. Und ich glaube, wenn man immer nach oben will, muss man automatisch auch nach unten wollen - das ist dann das Tauchen. Beides hat auch sehr viel gemeinsam: Tauchen ist ja wie fliegen, ohne das man ein Fluggerät braucht, nur in einem anderen Medium.
pg:
Seit 2002 halten Sie Vorträge über Wetter- und Klimathemen, auch über Tornados und Hurrikane. Was fasziniert sie so besonders an diesen beiden Wetterextremen?
sp:
Beim Hurrikan oder Taifun fängt die Faszination schon damit an, wenn man auf Satellitenbildern die Ästhetik von so einem gewaltigen Sturm samt seinem Zentrum, dem „Auge“ sieht. Das konnte man im August 2007 wieder wunderbar bei „Felix“ beobachten. Ich habe leider noch nie einen richtigen tropischen Wirbelsturm erlebt, bin aber zuversichtlich, dass mir das irgendwann noch vergönnt sein wird - natürlich aus sicherer Entfernung.
Mich fasziniert nicht nur, dass solche Kräfte und Windgeschwindigkeiten entstehen können, sondern immer auch die Physik, die dahinter steckt: Wie geht das? Wie ist das möglich? Es ist diese Kombination aus anschauen, das Extreme „spüren“ (allein schon wenn man die Wetterdaten dazu sieht) und genau zu wissen, was da passiert.
Der Tornado ist natürlich das außergewöhnlichste Wetterereignis. Nicht von der Größe, aber von der Stärke. Der zyklostrophische Wind und damit Windgeschwindigkeiten, deren Maximum man heute noch nicht sicher abschätzen kann, sind natürlich unglaublich faszinierend. Auch die Tatsache, dass man die stärksten Böen in einem Tornado nur schätzen kann, da man bisher noch keine Messgeräte erfolgreich in den Tornado reinstellen konnte. Schließlich werden die Messinstrumente von der enormen Windkraft einfach zertrümmert.
pg: Das Thema „globale Klimaerwärmung“ ist mittlerweile im Nachrichten-Alltag nicht mehr wegzudenken. Glauben Sie, die andauernde Medienpräsenz könnte die Menschen für dieses Thema abstumpfen?
sp:
Das glaube ich, leider. Dieses Thema ist nur schwer in den Griff zu kriegen. Es fängt schon damit an, dass wir nicht in der Lage sind, die Zeitskala, auf der Klima stattfindet, richtig zu erfassen. Das Klima ist ein z.B. über 30 Jahre gemitteltes Wetter, das wir nicht spüren und nicht fühlen können. Das tägliche Wettergeschehen hingegen ist greifbar, so dass viele Menschen immer versuchen, das Klima mit dem Wetter gleichzusetzen und dann Einzelereignisse als Beweis für ein geändertes Klima anzusehen. „Ist das jetzt der Klimawandel?“ wurde im Januar 2007 vielfach in den Medien gefragt, als der Orkan „Kyrill“ über Deutschland hinweggefegt war. Diese Frage ist natürlich unvernünftig, denn eine Klimaänderung kann lediglich die Häufung auffälliger Wetterereignisse in der Zukunft zur Folge haben und keinen Sturm „produzieren“.
Trotz solcher Irrtümer finde ich es aber dennoch wichtig, dass das Thema so eine große Präsenz in den Medien hat. Das führt dazu, dass das Problem der globalen Erwärmung entsprechende Aufmerksamkeit bekommt. Klimaschutz muss in Zukunft noch weitaus vernünftiger und zielgerichteter betrieben werden als das zur Zeit geschieht. Dazu ist es erforderlich, dass unsere Gesellschaft Hintergrundwissen und Kenntnisse über die Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung hat. Leider weisen manche Berichte in den Medien oft inhaltlich große Lücken sowie schlechte und falsche Recherchen auf – oft mit dem Ziel mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch würde ich mir wünschen, wenn die Politik in ihren klimapolitischen Entscheidungen und Strategien „einheitlicher rüberkäme“. Im vergangenen Frühjahr kamen nach dem warmen Winter und Orkan „Kyrill“ viele, teils groteske Vorschläge, bei denen so mancher Politiker sicherlich die Bühne nutzte, sich interessant zu machen. Da werden Kühe kritisiert, weil sie furzen und dabei auch Methan absondern. Oder Australien, das ja nie das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, nun aber die Glühbirnen auf einen Schlag verbieten will.
Auch wenn das, was wir jetzt für die Zukunft des Klimas prognostizieren mit gewissen Fehlern versehen und zum Teil auch nur grob abschätzbar ist, würde ich es begrüßen, wenn sich die Politik ernsthaft mit den Forschungsergebnissen und der Diskussion in der Forschung auseinandersetzen würde, um so zu transparenten energiepolitischen Strategien zu gelangen. Was wollen wir, was können wir, was tun wir – vom „Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Kernenergie“ zu reden ist nicht gerade eine verstrauensbildende Maßnahme. Wir haben in Europa und insbesondere in Deutschland ja schon gute Ansätze einer Klimapolitik. Diese müssen aber fortgesetzt werden.
Unabhängig von der Entwicklung des Klimas im Detail bin ich der Meinung, dass der Verschwendung der Ressourcen durch technologische Neuerungen begegnet werden muss – je früher, desto besser. Denn irgendwann werden die fossilen Energieträger verbraucht sein, so dass man ohnehin umschalten muss. Deswegen ist mir die Haltung der amerikanischen Regierung rätselhaft, die nicht viel in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit unternimmt und dies damit begründet, dass man ja noch nicht ganz genau weiß, was wirklich auf uns zukommt. Leider werden wir das aber selbst bei besten Forschungsergebnissen nie vollkommen exakt wissen können.
pg: In einer großen deutschen Tageszeitung ist in jedem Frühjahr die „Vorhersage“ des Sommerwetters, fast auf den Tag genau, zu lesen. Auch im Internet tummeln sich mehr oder weniger seriöse Langfristprognostiker. Wie stehen Sie zu Wetter-Prognosen, die mehr als 5 Tage in die Zukunft blicken?
sp:
Ich finde, dass man 6 oder 7 Tage im Voraus gut als Trend vorhersagen, denn man befindet sich noch oberhalb der statistischen Signifikanz. Die statistische Signifikanz weist die Stelle aus, ab welcher eine Prognose physikalisch begründet ist und nicht reiner Zufall ist. Was wir z.B. in unserem Tagesthemen-Wetter anbieten, ist ein 15-Tage-Trend, der aber wirklich als solcher ausgewiesen wird und lediglich für die Temperatur in der freien Atmosphäre gültig ist. Diese 15 Tage sehe ich aber als absolute Grenze. Alles was darüber hinausgeht, ist schlicht unseriös. Das können Sie und ich genauso gut. Ich kann mich jetzt hinstellen und sagen: Der Sommer 2012 wird ein heißer Sommer! Das kann stimmen, muss aber nicht.
pg: Was glauben Sie, wird in Sachen Genauigkeit und Vorhersagezeitpunkt der Wettervorhersagen in Zukunft noch möglich sein? Wird es irgendwann die 90%tig wahrscheinlich richtige Wochen-Wettervorhersage geben?
sp: Das ist schwierig. Dazu muss man wissen, was in den Modellen an Mathematik dahinter steckt. Um die Vorhersage entsprechend zu verbessern, ist keine lineare Verbesserung der Rechnerqualität und des Datensatzes notwendig, sondern eine exponentielle Verbesserung. Um von 91% auf 92% Vorhersagegenauigkeit zu kommen, muss ich meine Rechenkapazität möglicherweise verhundertfachen. Wenn wir stärker regionalisieren wollen, d.h. wenn wir unser Gittermaschennetz in der Prognose immer enger machen wollen, gibt uns die Mathematik in den Modellen eine Grenze vor. Eine exakte Vorhersage auf einer ganz kleinen Skala werden wir nie aufstellen können, ganz egal, wie wir unseren Computer tunen. Das ist damit zu begründen, dass die Gleichungen in den Modellen letztendlich unterbestimmt sind. Man hat viele Gleichungen, aber noch viel mehr Unbekannte, weswegen man Terme im Vorfeld abschätzen, d.h. parametrisieren muss. Sonst ließe sich die Gleichung gar nicht lösen. Je kleiner meine Skala wird, desto mehr kleinräumig stattfindende Kräfte muss ich in den Gleichungen berücksichtigen. Diese haben immer mehr Unbekannte, die man wiederum abschätzen muss, so dass man immer mehr Fehler produziert. Insofern wird es einen Weg geben, wo man beim kleiner Werden auf der räumlichen Skala noch Gewinne erzielen kann. Irgendwann aber werden die Ungenauigkeiten durch die notwendigen Abschätzungen so riesig, dass das Ergebnisse unbrauchbar wird. Man kann die Schraube also bis zu einem gewissen Punkt drehen - aber dieser Punkt ist nicht bei 100 Prozent, sondern irgendwo darunter.
pg: . Zum Schluss: Ihr Chef J. Kachelmann hat einmal geäußert, dass er am liebsten in einem Tornado irgendwann einmal das Zeitliche segnen würde. Auch Ihr Wunsch?
pg: (lacht) Ich denke jetzt noch nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Ich möchte noch ein bisschen leben. Mein Wunsch ist sicherlich einen Tornado zu sehen, aber der muss mich nicht gleich aus dem Feld schlagen. Aber mein größter Wunsch ist es, einen Messflug mit einem Hurrikanflugzeug zu erleben.